Sebilj-Brunnen Sarajevo — Legende der Rückkehr
Wer aus dem Sebilj trinkt, kehrt nach Sarajevo zurück — was steckt hinter dieser Tradition?
Autor: Lukas Berger
Was ist der Sebilj-Brunnen — und wo steht er genau?
Der Sebilj-Brunnen (bosnisch: Sebilj, von arabisch sabīl = öffentlicher Trinkwasserbrunnen) steht im Herzen der Baščaršija, Sarajevos osmanischer Altstadt, auf dem sogenannten Pigeon Square — dem Taubenplatz, offiziell Trg Sebilj. Die genaue Adresse: Baščaršija trg, 71000 Sarajevo. GPS: 43.8597° N, 18.4313° O.
Der heutige Brunnen ist ein achteckiger Holzpavilion im osmanischen Stil, überdacht mit einem geschwungenen Kupferdach und reich verziert mit Holzschnitzereien. Er wurde 1891 unter österreichisch-ungarischer Verwaltung an seinem heutigen Standort errichtet — ein Neubau, der einen älteren osmanischen Sebilj aus dem 18. Jahrhundert ersetzte. Entworfen wurde er vom österreichischen Architekten Alexander Wittek, der dabei bewusst osmanische Formensprache aufgriff. Das Ergebnis ist ein kleines architektonisches Meisterwerk: osmanische Seele in habsburgischer Ausführung — eigentlich ein perfektes Symbol für Sarajevo selbst.
Das Wasser, das heute aus dem Brunnen fließt, ist Trinkwasser aus dem städtischen Netz — kein Quellwasser mehr wie einst. Trotzdem trinken täglich Hunderte von Besuchern daraus, manche aus echter Überzeugung, die meisten mit einem Lächeln und dem Gedanken: Schadet ja nicht.
Die Legende: Wer trinkt, kommt zurück
Die bekannteste Überlieferung rund um den Sebilj lautet schlicht: Wer aus dem Brunnen trinkt, wird nach Sarajevo zurückkehren. Die Legende ist im ganzen Balkanraum verbreitet — ähnliche Mythen kennt man von Brunnen in Istanbul, Rom oder Wien. Aber in Sarajevo hat sie eine besondere Qualität, weil die Stadt selbst eine magnetische Anziehungskraft besitzt, die schwer zu erklären ist.
„Sarajevo ist eine der wenigen Städte, die ich kenne, die man nicht einfach verlässt. Man trägt sie mit sich — in der Nase (der Rauch der Ćevapi-Grills), in den Ohren (der Ezan vom Minarett) und irgendwie auch im Bauch."
Historisch gesehen geht der Begriff Sebilj auf eine islamische Tradition zurück: Öffentliche Trinkwasserbrunnen wurden als Akt der Frömmigkeit und Wohltätigkeit gestiftet, damit jeder — arm oder reich, Muslim oder Christ — kostenloses Wasser erhielt. In osmanischen Städten wie Sarajevo, Istanbul oder Kairo war der Sebilj ein zentrales Element des öffentlichen Lebens. Dass sich um solche Orte Legenden und Rituale ranken, ist keine Überraschung — sie waren Treffpunkte, Nachrichtenumschlagplätze, soziale Knotenpunkte.
Der Sarajevoer Sebilj ist heute offiziell als Nationales Kulturdenkmal von Bosnien und Herzegowina geschützt.
Die Baščaršija rund um den Sebilj — was du nicht verpassen solltest
Der Sebilj steht nicht allein. Er ist das Zentrum eines der am besten erhaltenen osmanischen Bazarviertel Europas. Wer hier steht, sollte sich Zeit nehmen — nicht nur für das Pflichtfoto mit den Tauben, sondern für das Viertel selbst.
- Kazandžiluk — die Kupferschmiedstraße, wenige Meter vom Sebilj. Hier hämmern Handwerker noch heute Kupferschalen, Džezven (Kaffeekännchen) und Souvenirs. Der Klang ist unverkennbar.
- Gazi-Husrev-Beg-Moschee (1531) — die bedeutendste historische Moschee des Landes, nur drei Minuten zu Fuß. Kostenloser Eintritt für Nicht-Muslime außerhalb der Gebetszeiten, Kopftuch für Frauen empfohlen.
- Bezistan — der überdachte Bazar aus dem 16. Jahrhundert, heute mit Schmuck- und Teppichhändlern.
- Morića Han — die letzte erhaltene Karawanserei Sarajevos, heute ein ruhiger Innenhof mit Café. Wer den Touristenstrom kurz hinter sich lassen möchte: hier.
- Caffe Bar Andar (Saraci 22, täglich 8–23 Uhr) — ein ehemaliger Schuhmacherladen, heute eines der authentischsten Kaffeehäuser der Altstadt. Bosnischen Kaffee trinken, Tauben beobachten, Zeit vergessen.
Praktische Infos zum Sebilj-Brunnen
| Detail | Information |
|---|---|
| Standort | Trg Sebilj (Baščaršija), 71000 Sarajevo |
| GPS | 43.8597° N, 18.4313° O |
| Eintritt | Kostenlos, jederzeit zugänglich |
| Baujahr (aktuell) | 1891, Architekt Alexander Wittek |
| Denkmalschutz | Nationales Kulturdenkmal BiH |
| Anreise (Tram) | Tram 3 bis Haltestelle Baščaršija |
| Beste Fotozeit | Früh morgens (vor 8:30 Uhr) oder abends nach 20 Uhr |
Meine persönliche Erfahrung — warum ich immer trinke
Ich bin in Banja Luka aufgewachsen und war als Kind zum ersten Mal in Sarajevo. Meine Mutter hat mich damals zum Sebilj geführt, mir aus dem Brunnen Wasser in die Hände geschöpft und gesagt: „Trink — dann kommst du wieder." Ich war vielleicht acht Jahre alt und habe das einfach getan.
Seitdem war ich mehr Mal in Sarajevo, als ich zählen kann. Beruflich als Physiotherapeutin, privat als Reisende, und in den letzten Jahren regelmäßig für meine Artikel. Jedes Mal, wenn ich an den Sebilj komme — und ich komme immer — trinke ich. Nicht aus Aberglauben. Sondern weil es ein Ritual ist, das mich mit der Stadt verbindet. Mit meiner Mutter. Mit dem ersten Staunen über diese Stadt.
Was ich als Physiotherapeutin dazu sagen kann: Das Wasser selbst ist einwandfrei (Trinkwasserqualität, Stand 2025), aber die eigentliche Wirkung des Sebilj ist natürlich keine medizinische. Es ist die Kraft des Ortes — der Lärm der Tauben, der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee aus den umliegenden Cafés, das Hämmern der Kupferschmiede. Das ist es, was einen zurückzieht.
Wann ist der beste Zeitpunkt für einen Besuch?
Die Baščaršija und der Sebilj sind zu jeder Jahreszeit sehenswert — aber die Erfahrung variiert erheblich je nach Tageszeit und Saison.
Hochsaison (Juni–August): Der Platz ist tagsüber voll mit Tagesausflüglern und Kreuzfahrtgästen aus Dubrovnik. Zwischen 10 und 17 Uhr kaum ein ruhiges Foto möglich. Wer dennoch im Sommer kommt: vor 8:30 Uhr ist die Baščaršija fast menschenleer, die Händler öffnen gerade, der Morgendunst liegt noch über dem Talkessel.
Herbst (September–November): Meine Lieblingszeit. Das Licht ist weich, die Temperaturen angenehm (15–22°C tagsüber), und die Touristenströme nehmen deutlich ab. Im Oktober finden die Baščaršija Nights statt — ein Kulturfestival mit Konzerten und Theateraufführungen direkt auf dem Platz.
Winter (Dezember–März): Sarajevo im Schnee ist ein eigenes Erlebnis. Der Sebilj mit Schneehaube, die Tauben aufgeplustert auf dem Brunnenrand — das ist kein Klischee, das ist wirklich so schön. Im Dezember kommen Weihnachtsmärkte dazu.
Frühling (April–Mai): Wärme kehrt zurück, Kastanienbäume blühen, und die Stadt wirkt erleichtert. Ebenfalls empfehlenswert.
Der Sebilj als Teil eines Sarajevo-Tages — mein Vorschlag
Der Sebilj ist kein Ziel für sich — er ist der natürliche Startpunkt eines Tages in der Altstadt. Hier ist, wie ich einen solchen Tag strukturieren würde:
- Morgens (8–9 Uhr): Sebilj-Brunnen, Tauben füttern (Mais wird von Händlern verkauft, ca. 1 KM), erstes Foto ohne Menschenmassen.
- Frühstück (9–10 Uhr): Burek oder Sirnica aus einer der Bäckereien in der Baščaršija — frisch aus dem Ofen, unter 2 €.
- Vormittag (10–12 Uhr): Gazi-Husrev-Beg-Moschee, Bezistan, Kazandžiluk. Wer Kupferwaren kaufen möchte: hier handeln — 20–30% Nachlass ist üblich.
- Mittagspause (12–13 Uhr): Bosnischer Kaffee im Morića Han oder im Caffe Bar Andar (Saraci 22). Kaffee mit Lokum, Zeit lassen.
- Nachmittag: Weiter zur Lateinerbrücke, Vijećnica (Rathaus), oder hinauf zur Gelben Bastion für den besten Blick über die Stadt.
Souvenirs am Sebilj — was kaufen, was lassen
Die Händler rund um den Sebilj verkaufen alles von Magneten bis zu Kupferschalen. Mein ehrlicher Rat nach vielen Besuchen:
Kaufenswert: Handgefertigte Kupferwaren aus Kazandžiluk (erkennbar am Hämmern vor Ort), Bosanska Kafa-Sets (Džezva + Fildžan-Tassen), Lokum aus den Süßwarenläden, handgewebte Teppiche aus etablierten Läden (nicht vom Straßenstand).
Lieber lassen: Massenware mit "Sarajevo"-Aufdruck, die aus China importiert wurde — davon gibt es leider viel. Erkennbar an gleichförmigen Magneten und Schlüsselanhängern ohne handwerkliche Details. Wer echte Handarbeit will, fragt nach, ob das Stück vor Ort gefertigt wurde.
Für einen ausführlicheren Einkaufsführer lohnt sich ein Blick in unseren Artikel über Sarajevo Souvenir-Shopping — Kupfer, Teppiche, Sevdalinka-CDs.
Mein Fazit nach unzähligen Besuchen
Ich habe den Sebilj-Brunnen bei Schnee gesehen, bei 35 Grad im August, bei Regen im November und einmal morgens um sechs, als die ganze Baščaršija noch schlief und nur ein alter Mann die Tauben fütterte. Jedes Mal ist er anders, und jedes Mal zieht er mich an.
Die Legende von der Rückkehr ist natürlich eine Geschichte — aber sie funktioniert, weil Sarajevo tatsächlich eine Stadt ist, zu der man zurückkehren will. Nicht wegen des Brunnens. Sondern wegen der Mischung aus Geschichte, Gastfreundschaft, gutem Essen und dieser eigenartigen Energie, die entsteht, wenn vier Religionen auf engstem Raum seit Jahrhunderten miteinander leben.
Trink aus dem Sebilj. Nicht wegen der Legende. Sondern weil es ein schöner Moment ist — und weil Sarajevo ihn verdient hat.
— Amela Begić, Wellness & Thermalquellen Redakteurin, Banja Luka